4 BÜCHER FÜR (NICHT NUR) BERUFSTÄTIGE (UND NICHT NUR) FRAUEN

Mit der Welt der Bücher ist es so wie mit allen Konsummedien, egal ob online oder offline: Es gibt sehr viel, manchmal zu viel, man ist überfordert, überreizt und weiß gar nicht mehr, zu was man greifen soll. Am Ende greift man vielleicht schnell etwas, das auf „Platz 1“ ist, schnell noch vor dem Urlaub, damit einem ja nicht langweilig wird zwischen Frühstück und Instagram. Oder man greift vor lauter Überforderung zu nichts und nimmt sich an Silvester vor, im kommenden Jahr wieder mehr zu lesen.

Während unserer großen Reise hatte ich viel Zeit, wirklich viel und ausgiebig und divers zu lesen. Nicht alles davon waren Krimis oder Belletristik, vieles habe ich mir bewusst mitgenommen, habe es in Flughafenshops entdeckt oder in Hostelbücherschränken eingetauscht, weil ich das Gefühl hatte, dass es wieder frischen Wind in meine Gedanken bringen könnten.

Tatsächlich bin ich so auf manche Bücher gestoßen, bei denen ich mich gefragt hatte, wie ich sie bis dato nicht hätte lesen können?! Einige davon waren so augen- und kopföffnend, dass ich sie nach dem Lesen unbedingt jedem empfehlen musste, ob gefragt oder ungefragt. Und ja, viele der Bücher waren feministischer Natur, zum ersten Mal in meinem Leben. Denn auf der Reise hatte ich Zeit, diese Bücher nicht nur durchzublättern, sondern auch wirklich zu verstehen, warum es nach wie vor so etwas wie Feminismus braucht und für mich selbst den oft missbrauchten und missinterpretierten Begriff zu definieren.

Denn letzten Endes bin ich eine Freundin, Ehepartnerin, Arbeitnehmerin, Schreiberin, Enkelin, Cousine, Konsumentin, Leserin – eben eine Frau im Jahr 2018. Und ob ich es mir eingestehe oder nicht: Auch ich bin Teil von ungesunden, festgefahrenen Strukturen, die es aufzubrechen gilt, sei es privat oder beruflich!

Als ich in der dritte Klasse war und mich mehrmals innerhalb einer Stunde meldete, fragte mich meine Grundschullehrerin, seit wann ich denn so übertrieben zielstrebig war. Ein gleichaltriger Junge, Felix, der klug und bei so ziemlich allen beliebt und eigentlich absolut umgänglich und nett war, musste sich oft nicht einmal melden, um seinen Beitrag zu sagen. An das Gefühl, das ihre Worte in mir auslösten, erinnere ich mich bis heute. Deutsch sprach ich zu dem Zeitpunkt erst seit 2 Jahren. Ich speicherte das Wort „zielstrebig“ als negativ ab. Ich war 9.

Woher der plötzliche Drang kam, vor allem feministische Work-/Life Literatur und Biografien regelrecht zu verschlingen, kann ich nicht genau sagen. Ich weiß aber, dass manche Dinge sich mit der Zeit angesammelt hatten, die sich für mich falsch und deplatziert anfühlten. Bemerkungen und Kommentare, die im ersten Augenblick als Witz abgetan wurden und sich aufsummierten. Meine Patentochter wurde älter und ich fragte mich immer mehr, mit welchen Hürden und Kommentaren sie wohl schon zu kämpfen hatte. Und welche noch auf sie warten würden, wenn sie einmal berufstätig werden würde.

2016. Ich sah auf die Unternehmensseite, auf den Bereich „Über uns“ und „Geschäftsführung“. 5 Männer mittleren Alters lächelten grimmig in die Kamera. Berufliche, weibliche Vorbilder konnte ich nach 28 Jahren an einer Hand abzählen.

LEAN IN – SHERYL SANDBERG

Sheryl Sandbergs Biografie liest sich zunächst wie ein Vorzeigelebenslauf: Abschluss an Harvard, erfolgreiche Praktikus, Finanzministerium, leitende Funktionen bei Google, COO von Facebook, verheiratet, zwei Kinder. Aber ihr Buch ist so viel mehr als nur ein runtergerattertes, glänzendes Erfolgsmanifest. Und ist nicht nur für Frauen ein Must-Read, sondern auch für Männer!

Sympathisch, wirkungsvoll,  unterhaltsam und auch ernst beschreibt sie ihren Werdegang, beruflichen Stationen, Hürden und Hindernisse, aber auch Anekdoten z.B. dass in einem Unternehmen auf der Chefetage der Vorsitzende den Weg zur Damentoilette nicht kannte. Weil es in der Chefetage keine Damen gab. Dabei geht sie weg vom Dogma, dass man sich einfach nur durchbeißen und eben durchsetzen müsse. Denn so funktioniert die Welt nun mal nicht. Stattdessen stellt sie die kritische Frage, inwieweit Frauen auch selbst dazu beitragen können, beruflich mehr Fortschritte zu machen und was gesellschaftlich dazu führt, dass sie es nicht tun. Oder wie Männer in Führungspositionen lernen und erkennen können, wenn sie selbst in modernen und jungen Unternehmen in altbackenen Mustern Denken und Handeln.

Es ist ein Pitch. Wir werden begrüßt, Hände werden geschüttelt. Der potenzielle Kunde lächelt und zwinkert freundlich und sagt, dass er die Firma kennt. Er hat schon einige so attraktiver Kolleginnen wie mich kennen lernen dürfen. Später werde ich von seinem Partner gefragt, wer die Garantie geben kann, dass ich in „…9 Monaten nicht als Ansprechpartnerin wegfalle“.

Bei Sandbergs Beschreibungen und Ausführungen handelt es sich aber nicht um flache Lifestyle-Geschichten, ganz im Gegenteil. Es geht um viel subtilere Stolpersteine als einen sexistischen Spruch. Es geht z.B. um eine Studie von McKinsey, aus der hervorgeht, dass Männer eher nach Potenzial und Frauen nach ihren vergangenen Leistungen befördert werden.

Oder darum, dass egal wie viel eine Frau arbeitet, sie durchschnittlich 70% des Haushaltes übernimmt, ohne dafür Anerkennung zu bekommen. Während Mädchen wie selbstverständlich Geschirrspüler einräumen, werden Jungs dafür gelobt, eine Socke in den Wäschekorb zu schmeißen. Und wie Konzerne sich selbst um Millionengewinne bringen, weil sie Mitarbeiterinnen nicht fördern und verlieren.

Doch bei all der Gesellschaftskritik bleibt Sandbergs Buch vor allem eins: Ermutigend. Denn wer, wenn nicht sie, hat den Geist des Silicon Valleys verinnerlicht? Und inspiriert durch den kalifornischen Geist und einer kämpferisch, positiven Einstellung!

GIRLBOSS – SOPHIA AMORUSO

Der Klassiker unter den Büchern für „working women“ und für alle, die denken, es muss den perfekten Augenblick für das Gründen im Leben geben!

Sophia erzählt in ihrem Buch, wie sie mit Anfang 20 aus Geldnot heraus anfing, Vintage- und Flohmarktsachen mit befreundeten Models und artistischer Darstellung auf eBay zu verkaufen und das Ganze über mySpace zu pushen. Schnell wurde daraus ein echtes, individuelles Fashionimperium mit dem Namen „Nasty Gal“ und Sophia stand mit 32 auf der Forbesliste der erfolgreichen Selfmade-Frauen. Jünger war nur noch Taylor Swift.

Sie ist unangepasst und auch unangenehm. Sie ist laut und vorlaut und auch ein bisschen derb. Wenig Vorbildhaft verliert sie einen Job nach dem anderen. Manchmal klaut sie. Und als sie mit ihren Ebaygeschäften anfängt Geld zu machen, grätscht ihr die Konkurrenz ein. Da gründet sie ihre eigene Seite.

Inzwischen ist Nasty Gal insolvent. Wegen ihres Führungsstils stand Amoruso mehrmals in der Kritik, das Unternehmen wurden von Mitarbeitern verklagt, weil diese angaben, gefeuert worden zu sein, weil sie schwanger waren oder in Elternzeit gehen wollten. Zwischenzeitlich wurde Girlboss auch von Netflix als Serie angesetzt, aber leider nach nur einer Staffel wieder eingestellt.

Persönlich komme ich mit ihr auf keinen grünen Zweig, mir fehlt ein wenig die Differenziertheit und auch der Mut, jungen Frauen zu sagen: Habt doch keine Angst zu scheitern! Aber Sophia Amoruso bleibt einfach wie sie ist, egal ob man das jetzt gut oder schlecht findet. Sie hat ihr Ding gemacht und das Buch genau deshalb lesenswert!

 Ich bin 23 und bekomme gesagt, ich sei ein bisschen zu forsch,  zu direkt, würde zu dominant auftreten – das würde andere Menschen vor den Kopf stoßen. Ein scheinbar freundlich gemeinter Rat, den ich immer wieder im Leben hören würde, beruflich wie privat. „Bossy“ und fordernd sein gehören sich für eine junge Dame nicht. Frauen sollen weich sein, empathisch. – sagt mir meine Mama. Bei Männern sehe ich die gleichen Charakterzüge. Sie heißen dann aber „ambitioniert“ und „willensstark“.

THE FICTIONAL WOMAN – TARA MOSS

In ihrem aktuell nur auf Englisch verfügbaren Buch „The Fictional Woman“, beweist Tara Moss einen unglaublichen Blick für das Detail und das Gesamtbild. Während manche Bücher sich in Pauschalisierungen verlieren, untermauert Moss jede ihrer Aussagen mit einer Studie und Fakten, die man im Inhaltsverzeichnis nachlesen kann.

Zwischen 14 und 21 ist sie ein bekanntes, erfolgreiches Modell. Sie beschreibt nicht nur, was das Modelbusiness mit jungen Frauen anstellt, sondern wie es sie auch zu Opfern macht. Tara Moss wird selbst Opfer einer Vergewaltigung. Ein Thema, dass mit der #metoo-Debatte nicht aktueller sein könnte. Inzwischen ist sie erfolgreiche, internationale Krimi-Autorin, Mutter und UNICEF Sprecherin für die Rechte von Frauen und Kindern.

Trotzdem ist sie für viele „das Ex-Model“.

Das Buch teilt sich in Kapitel auf, die sich nach den Schubladen richten, in die Frauen gesteckt werden und deren Klischees sie erfüllen müssen: Die Mutter, die Femme Fatale, das Mode, die Rabemutter, die Geschiedene, die Selbständige. Ihre Erkenntnis: Egal, wie man es macht, man macht es als Frau falsch. Erst recht, wenn man versucht, alles richtig zu machen.

Ein erschreckendes, augenöffnendes Buch.

Ich bin 16, pummelig und mitten in der Pubertät. Meine Großtante fragte mich, warum ich noch keinen Freund hatte, denn das Wichtigste für eine Frau sei es, gut verheiratet zu sein und Kinder zu kriegen.

LITTLE BLACK BOOK: A TOOLKIT FOR WORKING WOMEN – OTEGHA UWAGBA

Das kleine Büchlein strotzt nur voller Kraft und Insights! Ich bekam es von einem Freund zu Weihnachten und was soll ich sagen: Mir fallen bereits eine handvoll Freundinnen ein, denen ich das gerne ebenfalls schenken wollen würde!

Es ist ein kleiner, aber feiner Career Guide: Für die Angestellte, die Selbständige, die Kreative, die Gründerin. Zusätzlich gibt es tolle Absätze und Tipps von Powerfrauen, die sich ihr Wissen mühevoll über Jahre hinweg angesammelt haben: Wie man seine Zeit gut einteilt, vor Leuten spricht, Smalltalk betreibt, eine Brand aufbaut, kreatives Tief überwindet oder verhandelt.

Das Buch ist genau das: Kein tiefer Lebensratgeber, sondern ein schneller Toolkit zum Nachblättern mit echten Hands-On Ratschlägen, statt flachen Pinterest-Sprüchen.

Welche Bücher könnt ihr empfehlen? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht, welche unmöglichen Kommentare schon gehört? Oder findet ihr das alles „überzogen“, „Schnee von gestern“ und denkt, dass es keinen Feminismus mehr braucht?

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