Eat Good | Russische Hausmannskost

Hausmannskost_Fisch

In Zeiten perfekt inszenierter Food-Pics bei Instagram (#foodporn) und Pinterest („OMG, look at it!“), in Zeiten höchstambitionierter Hobbyköche, in Zeiten von Soufflé und Coq au vin gerät eines manchmal in den Hintergrund: Die ungeschönte Hausmannskost!

Natürlich liebe ich auch schön platzierte Steaks und Muster aus Balsamico, abgestimmte Dekoration und Wein und freue mich, wenn die selbstgemachte Teriyaki-Marinade wie geplant stundenlang einziehen kann. Das Auge isst mit und es ist schön, dass immer mehr Menschen die Zeit finden in Kochen mehr zu sehen, als nur die reine Zubereitung von Nahrung, sondern ein Hobby, das zum Genuss führt.

Aber wer kennt das nicht: Ein bestimmtes Gericht aus der Kindheit, eine bestimmte Geschmackskombination, meist ganz simpel, die man nach wie vor liebt, die aber nur gekocht wird, wenn man alleine Zuhause ist. Rührei mit Senf, in Fett knusprig gebratene Nudeln vom Vortag, Wurst-Reste-Eintopf, Nutella-Brot mit Aachener Pflümli…  in meinem Freundeskreis kenne ich so einige Beispiele!

Während meiner Reise nach Russland habe ich wieder viele Dinge gegessen, die ich hier nicht koche oder die es hier schlicht und ergreifend nicht gibt. Oder weil sie mir nur dort wirklich schmecken, so wie ein Croissant in einer kleinen Straße von Paris immer anders schmecken wird als ein Croissant vom SB-Bäcker in München.

Ich wurde von meinem Opa bekocht, der immer nur Butter statt Öl zum Braten verwendet und in der Nachkriegszeit durch Brennesselsuppe satt geworden ist. Zum Bier mit meinen Cousinen gab es Taranka, getrockneten, gesalzenen Fisch. Es gab süßen georgischen Hauswein. Ich wurde von einem alten, zahnlosen Ehepaar im tiefsten russischen Hinterland bewirtet, die zwar keine befestigte Straße zu ihrem Haus haben, aber die besten gefüllten Blinis. Das Geschirr hatte Risse und ihr Gastfreundschaft keine Grenzen.

Hier seht ihr keine Restaurants, in denen der Vodka aus aus Eis geformten Gläsern serviert wird. Klingt nach bio-regional-fair-trade-organic-human-rights-whatsoever? Nee. Nur das, was auf den Tisch kam!

So gab es zum Beispiel „Pelimeni“ (Maultaschen). Sie werden in einer Brühe gekocht und können dann mit oder ohne Brühe serviert werden, aber unbedingt mit „Smetana“ (Schmand/Creme Fraiche/Quark). Ich könnte davon 15 essen. Oder 20. Eine russische Redewendung besagt, solange Pelimeni im Haus sind, wird niemand verhungern. Oder auch: Wenn nichts geht, gehen Pelimeni! Außerdem gab es „Plov“ – ursprünglich ein usbekisches Nationalgericht, das nur aus einer Fleischart besteht (Lamm oder Huhn), Reis, Zwiebeln, Möhren, Piment und Lorbeerblättern. Mit einem Risotto hat es nur den Reis gemeinsam. Es ist ein sehr simples und sehr aromatisches Gericht! Und dann gab’s auch einfach mal: Salat. Hühnchen. Kartoffelpüree. Weltklasse!

Hausmannskost_Alles Mögliche Zu Essen

Was hier aussieht, wie ein gigantischer abgeschnittener Penis (ich seh‘ jetzt schon entsetzte Gesichter am Bildschirm…), ist in Wahrheit nichts anderes als eine gewöhnliche Rinderzunge. Ja, liebe Großstadtkinder! Von einer Kuh kann man mehr Essen, als nur ein Steak! Obwohl ich zugeben muss, in gekochtem Zustand sieht sie noch unappetitlicher aus… Sie wird dann als kalter Aufschnitt serviert, mit Mayo und scharfen Meerrettich, gerne mit Brot und Petersilie. Sie ist deftig, hat aber keinen nennenswerten Eigengeschmack. Fast 2 Stunden muss sie köcheln.

Hausmannskost_Gekochte Kuhzunge

Es gab in Russland für mich auch wie immer viel Fisch, allen voran geräucherte „Skumbria„, geräucherte Makrele. Ich liebes es! Diesen Fisch und nicht irgendwelche Burger sollte man vor dem Feier gehen Essen! Daher auch das Bild mit den Mojitos bei meiner Cousine, zu denen es Aufschnitt und Fisch gab. „Skumbria“ ist reichhaltig und deftig und schmeckt am besten zu Kartoffeln und Brot. Genau so wie die Lachsbäuche. Noch nie habe ich Deutschland Lachsbäuche gesehen! Hierbei handelt es sich wohlgemerkt nicht um den Magen, sondern um das Fleisch am Bauch des Fisches. Auch diese Mahlzeit ist sehr fettig, ölig, reichhaltig. Omega-3 Kapseln? Sind nach ein paar Bissen hiervon völlig überflüssig.

Da ich über Ostern verreist bin, gab es natürlich auch einige Osterspezialitäten. Darunter gehören natürlich nicht nur gekochte Eier (für eine dunkelrote Färbung kann man sie übrigens einfach mit Zwiebelschalen kochen), sondern auch „Pasatschka„, der bunte Osterkuchen. Zur Feier des Tages gab es auch „Holodez„, eine Art Sülze ohne Essig. Und als wir am Ostermontag zu Besuch gefahren sind, hat mir eine GroßGroßtante, die kaum noch gehen konnte, Blinis (Pfannkuchen) serviert, die mit Hühnchen und Pilzen gefüllt waren.

Hausmannskost_Ostern

Zum Dessert gab es für mich hauptsächlich „Plombir„, ein Vanille-Milcheis in weicher Waffel, das seitdem ich denken kann niemals seinen Geschmack verändert hat. Außerdem „Blinis“ (Pfannkuchen) mit „Sguschonka“ (auch bekannt als Dulce de Leche oder auch einfach nur gezuckerte Kondensmilch) und wieder „Blinis“ (Pfannkuchen), gefüllt mit Sahne und Erbeeren und in Sushiform geschnitten :)

Hausmannskost_Desserts

Ich hoffe, der Artikel hat euch gefallen. Nicht überall gibt es McDonalds und nicht überall schmecken Bratkartoffeln und Brot gleich. Offen für Neues sein ist ein essentieller Teil, um richtig mit allen Sinnen zu Reisen. Eine Reise ohne Essen? Ist nicht einmal eine halbe Reise!

1 Comment
  1. Ich bin froh, zu hören, dass es noch mehr Menschen gibt, die Nudeln anbraten u Rührei mit Senf essen :) Danke für diesen interessanten Artikel (wobei ich nicht alles probieren würde :-P)!

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