Into The Wild

Eine Buchempfehlung zu John Krakauers dokumentarischen Roman „Into The Wild“ (dt.: In die Wildniss)

…. als ich das Buch schließe, fühle ich mich seltsam berührt. Berührt in meiner Nichtigkeit. Vielleicht ist es nicht förderlich, dass ich die letzten Seiten von Into The Wild in der Sbahn auf dem Weg in die Arbeit lese. Ich schaue mich kurz um und schaue aus dem Fenster.

Einen Spoiler werdet ihr hier nicht lesen – Auch wenn ich schreibe, am Ende stirbt der junge Tramper. Immerhin ist es ein dokumentarischer Roman und Chris Maccandless kein Unbekannter. Seine  Geschichte ging bereits kurz nach der Entdeckung seines Leichnams in der Wildnis Alaskas durch die Welt, das Buch „Into The Wild“ und der dazugehörige Film von Sean Penn (mit einem phänomenalen Soundtrack von Eddie Vedder) machten sein Schicksal berühmt.

Into The Wild Krakaur Tolstoi Maccandless_Was ich wünschte, war Bewegung und nicht ein ruhiges Dahinfließen des Lebens

Was Fernweh bedeutet, das werden wohl die Meisten von uns kennen. Aber die Sehnsucht, die Chris Maccandless antreibt ist mehr als Sehnsucht nach einem fremden Ort. Es ist die Sehnsucht nach einem anderen, besseren, sinnerfüllten Leben. Ein Leben nach den höchsten Geboten, nach den reinsten Prinzipien. Der junge Mann aus wohlhabender Familie zieht also los. Es hat ihn schon immer weggezogen.

Worum geht es in dem Buch?

Die Geschichte ist so viel komplexer, als man sie zusammenfassen könnte und doch so einfach: Chris‘ Maccandless ist ein junger Mann, der aus einer gehobenen Familie kommt. Er ist auf der einen Seite höchst intelligent, begeisterungsfähig, karismatisch und packt Dinge an – auf der anderen Seite sucht er nach einem Sinn, ist zeitweise introvertiert, verbringt seine Zeit damit den Dingen auf den Grund zu gehen. Er ist davon überzeugt, dass das Reisen ohne Besitz und das Leben nur von dem was ihm die Natur gibt, ihn einer universellen Wahrheit näher bringen wird. Er liebt seine Schwester über alles und kommt zeitgleich mit der Lebensweise seiner Eltern nicht zu recht. Richtig nah kommt ihm niemand. Chris‘ Innenleben bleibt den Meisten verborgen. Schließlich begibt er sich auf eine jahrelange Reise, deren Endstation Alaska ist. Monatelang er lebt dort in einem alten Bus, der Bus 142 von Fairbanks City Transit Systems.

Ein Fluß, der sich in einen reißenden Strom verwandelt hat, schneidet ihm den Rückweg ab. Er stirbt an einer Vergiftung. Bis zuletzt ist er eins mit sich selbst und der Natur, die ihn umgibt.

Quote Zitat Into The Wild

Was ist das Besondere?

John Krakauer, der Journalist, der den ersten Artikel zu Chris Maccandless verfasste, war auch eine treibende Kraft bei der Aufarbeitung dieser Geschichte. Was er im Buch beschreibt ist kein Roman aus der Sicht von Chris und auch keine journalistische Reportage und Aufzählung auf 200 Seiten. Es ist auch kein dogmatisches Buch, dass irgendwelche Naturburschen-Fantasien verherrlicht.

Krakauer zeigt Chris‘ Weg und die Menschen, die er trifft, bei denen er ausnahmslos einen bleibenden Eindruck hinterlässt. In einem Ehepaar, auf dessen Gut er anheuert, findet er fast sowas wie eine Ersatzfamilie. Er lebt bei Bettlern, bei Hippies, bei Mittellosen. Er arbeitet auf Farmen und in Fastfood-Restaurants, um sich seine Alaska-Ausrüstung zu finanzieren.

Seine Reise dokumentiert er mit einer Kamera – viele Bilder kamen erst nach und nach an die Öffentlichkeit.

Sein Tod ruft zum einen wie immer Nachahmer und Fans auf den Plan, aber auch zahlreiche Kritiker. Von „…einem Jungen, der keinen blassen Schimmer hatte…“ bis zum „verträumter Spinner“ reichen die noch netten Leserbriefe bei Krakauers erstem Artikel. Tatsächlich war Chris aber auch durch seine Intelligenz gut vorbereitet für seinen langen Aufenthalt in Alaska, sammelte gekonnt Pilze und Beeren und erlegte allerlei Tiere. Chris war sicher vieles, aber kein Spinner. Er stellte die höchsten Ansprüche an sich selbst.

Durch eine giftige Pflanze stirbt er einen langsamen, leisen Hungertod alleine in der Wildnis. Obwohl er sein Ende kommen sieht, ist er bereits zu geschwächt, um über den reißenden Fluss zu kommen.

Und dann, als ich zum ersten Mal bewusst nach seinem Namen google, stoße ich auf das letzte Bild, von dem auf den letzten Buchseiten zu lesen ist. Ein Bild, aufgenommen in einem Moment, in dem er bereits wusste, dass ein starker körperlicher Verfall und die ersten Vergiftungserscheinen eingesetzt hatten. Ein Bild, nur Tage vor seinem Tod. Mich durchläuft ein Schauer, aber ein Schauer, der mir Tränen in die Augen treibt. Und ich denke mir:

Sieht so ein unglücklicher Mensch aus?

Chris Maccandless Into The Wild 1

Der Bus steht heute noch an gleicher Stelle.

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