MATRJOSCHKA DIARIES – TEIL 1 – DIE EINBÜRGERUNGSKOLUMNE

Als ich so im Wartebereich des Kreisverwaltungreferats in München saß und unsinniger Weise mal wieder die Zettelnummer mit der Anzeigetafel abglich, da hatten mein russischer Pass und ich schon so viele belustigende, skurrile und auch unangenehme Situationen in Behörden und an Grenzen hinter uns gebracht, dass mir der Gedanke kam, dass ich darüber auf dem Blog eine Kolumne schreiben sollte! Denn was passt besser zu einem Reiseblog als eine Kolumne über… naja, nichts weiter als ein Reisedokument?!

Aber eigentlich ist es ja doch mehr. Eine Kolumne über die sogenannte Integration, aber auch über Ausgrenzung und Abgrenzung, über Chancen und Ängste und über Heimatgefühl und das Sich-Verloren und das Sich-Zuhause-Fühlen. Und über mich:

Eine Person mit Migrationshintergrund, die endlich endlich Deutsche sein möchte!

Als ich den Artikel „Reisen mit einem russischen Pass“ veröffentlicht habe, war mir nicht bewusst, auf welches Interesse ich stoßen würde. Bis heute gehört der Artikel zu den meist-geklickten auf dem Blog pro Monat! Ich kann’s verstehen: Die Absurdität, die ich immer wieder erlebe, ist wie ein Unfall, man kann nicht wegsehen. Und nicht glauben, dass das alles echt so abläuft. Dass jemand wie ich wirklich einen Stapel aus 20 verschiedenen Dokumenten als Bewerbung einreichen muss, um für ein Wochenende nach Irland einreisen zu dürfen. Wer bei taff Beiträge über falsch aufgespritzte Lippen und bei RTLII Baupfusch guckt, der sei auch hier herzlich willkommen!

Daher auch der Titel: Matrjoschka Diaries. Ihr kennt sie sicher, diese russischen Holzpuppen, in denen immer noch eine kleinere Holzpuppe steckt? Oder wie auch Forrest Gump einst sagte: Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel, man weiß nie, was man bekommt. Ja, gilt auch für Matrjoschkas. Man weiß auch nie, wann sie zu Ende sind. Wie bei Behördengängen!

Aber vielleicht sollte ich mal von vorne anfangen:

WELCOME TO BAVARIA

Meinen sowjetisch-roten Pass und mich verbindet eine tiefe Beziehung geprägt von Hassliebe und Abhängigkeit. Wie in einer ungesunden Beziehung dachte ich immer wieder, dass es schon irgendwie ok sei, obwohl nichts ok war. Es gab ja auch gute Zeiten! Aber die schlechten ließ ich immer ein bisschen unter den Tisch fallen. Und es wird jetzt eindeutig Zeit für eine Trennung.

Ich bin in St. Petersburg geboren und in einer Großstadt südlich von Moskau aufgewachsen. In Deutschland bin ich bereits seit 1995, also schon seit weit über 20 Jahren. Im August 1995 zogen wir in das Alpenvorland (Tegernsee, Schliersee – you name it! Also dort, wo Münchner sich jedes Sommerwochenende vornehmen hinzufahren und es verkatert dann doch nicht tun). Im September 1995 wurde ich eingeschult.

Das einzige Wort, das ich kannte, war „Nein“. Das verwende ich bis heute noch recht häufig und gerne, was manche glauben lässt, ich sei stur. Und noch bevor ich richtig Deutsch sprechen konnte, lernte ich bayerisch und besaß zwei Dirndl.

Ich glaube, meinen ersten Schultag fand ich richtig kacke und wer würde es mir verübeln wollen, umgeben von Menschen, die ich nicht verstand und die sich mit erhobenem Finger meldeten? Absurd in den Augen meines kleinen Ichs. In Russland meldete man sich mit der ganzen Hand, aber auf Grund der ganzen Hitler-Gruß-Thematik verstehe ich natürlich inzwischen, warum man hier vielleicht doch eher den Finger verwendet. Mit zwei Türken war ich die einzige Ausländerin der ganzen Klassenstufe. Ich war eine Kuriosität. Wir drei hatten eine Lehrerin, die uns an manchen Tagen extra in Deutsch unterrichtete. Man stelle sich das heute mal vor: EINE LEHRERIN. Für nur drei Schüler. Ausbildungshimmel! Und ich weiß auch nicht mehr viel darüber, wie ich dann tatsächlich Deutsch gelernt habe. Aber ich erinnere mich an die Vorweihnachtszeit im Schnee und ich spielte und quatschte mit den Dorfkindern in der Pause.

Die Jahre vergingen. Mein Pass blieb und war für mich immer ein Dokument, dessen Status meine Mutter immer für mich verwaltete. Sie beantragte immer alle Dokumente, kümmerte sich um Anträge auf Deutsch und Russisch, verlängerte Dinge und besorgte Stempel. Das einzige, was ich als Kind damit verband (und das sollte sich auch in der Zukunft nicht ändern) war: Aufwand.

Im Großen und Ganzen bin ich wohl grundsätzlich das, was man perfekt integriert nennt – ich besuchte hier Grundschule und Gymnasium, spielte und lernte in diversen Vereinen, studierte und startete ohne Probleme ins Berufsleben. Ich bin so perfekt integriert, dass ich manchmal selber vergesse, dass ich nicht in Deutschland geboren bin. Einen Akzent habe ich nicht, es sei denn, ich lege es aus Paradie-Gründen darauf an. Was blieb, ist mein Pass. Obwohl ich schon längst Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft hatte. But Y Tho….?

WARUM ICH SO LANGE GEWARTET HABE

Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, muss ich meine russische Staatsbürgerschaft abgeben. Das ist eine Information, die noch essentiell wichtig für den weiteren Verlauf dieser Kolumne sein wird! Eine doppelte Staatsbürgerschaft ist für mich nicht möglich. Aber auch das wäre kein Problem, ich hänge nicht besonders an meiner Nationalität, pflege keine verträumte Heimatmelancholie oder Liebe zur großen, weiten, russischen Identität.

Ich liebte jedoch meinen Opa.

Leider vergibt Russland keine Langzeit-Visa. Hätte ich eine deutsche Staatsbürgerschaft bekommen, hätte das für mich bedeutet, jedes Mal für eine Einreise nach Russland immer und immer wieder aufs Neue durch den russischen Visaprozess gehen zu müssen, der 3-4 Wochen in Anspruch nimmt. Das bedeutete aber auch, dass ich in einem Notfall nicht hätte sofort einreisen können.

Und nur darum ging es mir all die Jahre: Im Fall der Fälle, bei Sturz, Krankheit oder Tod, wollte ich selbst bei 3.500km und 20h Anreise am nächsten Tag vor Ort sein. Nur dafür behielt ich den russischen Pass. Nur dafür nahm ich alle Kosten und Strapazen und schiefen Blicke auf. Ich war nicht bereit, mein Wohlbefinden vor die Möglichkeit zu stellen, jederzeit bei ihm sein zu können. Am Ende war es soweit, wie eine Katastrophe, auf die man sich irgendwie innerlich stets wappnet: Eine Woche nach unserer Hochzeit starb mein Opa. Es war ein Freitag, ich erfuhr es in der Mittagspause. „Der Opa?“, fragte ich meine Mama am Handy, stehend vor dem Vapiano. „Der Opa.“, sagte sie. Ich packte am Freitagnachmittag. Packte den Koffer. Ich stieg in den Flieger. Am Samstag betrat ich eine Wohnung, in der er nie wieder die Tür öffnen würde. Und als ich sie das letzte Mal hinter mir schloß, wusste ich, dass es Zeit war, meiner Heimat diplomatisch den Rücken zu kehren.

ES WIRD ZEIT

Wird Zeit, mein Zuhause seit über 20 Jahren auch auf dem Papier auszuweisen. Sich nicht immer blöde Fragen anhören zu müssen, warum man seinen „Perso“ nicht dabei hat. Sich angekommen zu fühlen und nicht immer zwischen den Stühlen. Nicht immer auf dem Sprung.

In Russland sagen sie: Du bist gar nicht mehr eine von uns!  Und in Deutschland wundern sie sich über meinen russischen Pass.

Und ich möchte nicht nur „zum Spaß“ an politischen Diskussionen teilnehmen, ich möchte meiner Meinung eine echte, gewichtete Stimme geben. Staatsbürgerschaft bedeutet für mich auch Verantwortung.

Und zwar nicht nur beim Sonntagskaffee mit Freunden oder Familie. Ich möchte Politik mitgestalten. Ich möchte die Politik des Landes, in dem ich lebe, arbeite und mein Kind großziehe, mitbestimmen. Ich möchte wählen. Deutschland steht für mich für Meinungsfreiheit, politische Vielfalt, Demokratie und Respekt.

Am 24. September 2017 bekam die AfD genug Stimmen, um in den Bundestag einzuziehen. Ein schauerliches, kaltes Entsetzen breitete sich bei mir an diesem Tag aus. Ich schrieb auf Facebook folgenden Text:

Es macht mich krank, es macht mich wütend, es macht mich traurig – aber die AfD und ihre Wähler werden mich niemals SPRACHLOS machen! Ja – Ich habe keinen deutschen Pass. Ich konnte nicht wählen. Ich konnte nicht schreien, dass ich für Europa, für Toleranz, für Nächstenliebe, für Offenheit bin und dass wir davon alle profitieren. Aber das ändert nichts daran, dass ich im Alltag jede einzelne Sekunde meines Lebens dafür einstehen werde. Und irgendwann wird auch der Tag kommen, an dem ich mein Kreuz für das Land machen können werde, in dem ich lebe, das ich liebe und deren Werte ich verteidige.

Im Grundgesetz steht: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Und ich werde diese Prinzipien, die sog. Alternative hin oder her, LEBEN. ATMEN. WEITERGEBEN bis ich umfalle.
Wir haben die Wahlen in den USA gesehen und den Kopf geschüttelt. Wir haben nach Großbritannien gesehen und den Kopf geschüttelt. Wenn man Deutscher ist, aber Europa liebt und weltoffen ist und sozial und tolerant, dann kann man sich heute schämen. Wenn man ein Ausländer oder Homosexuell ist, ist es schon fast zu fürchten. Dabei ist es eigentlich gar nicht so lange her, dass man sich fürchten musste.

Jeder Achte will eine Partei, die denkt, dass es wieder eine Herrenrasse gibt. Und ich und viele meiner Freunde und Familienmitglieder gehören da wohl nicht dazu. Wenn ich morgens in der Ubahn sitze oder in der Arbeit bin oder beim Bäcker anstehe, denkt das statistisch gesehen jeder Achte, dem ich begegne. Jeder Achte, der weniger Angst vor der Zerstörung der Umwelt hat, als vor einem potenziellen Flüchtling, Mexikaner oder Muselmann, der hierher flüchtet und seinen Job und die Butter vom Brot klaut.

Ich habe vor ein paar Monaten geschrieben, wovor ich Angst habe: Nicht vor dem Flüchtling oder dem Türke oder dem Osteuropäer – sondern allgemein Menschen mit der Weitsicht eines Goldfisches und mit dem Horizont einer Abstellkammer, die sich nach „guten alten Zeiten“ sehnen und nicht nur mir, sondern auch meinen zukünftigen Kindern das Gefühl geben, dass Nationalismus normal ist, dass Grenzen normal sind und die ganze Welt mit ihren Mauern verbauen.

Ihr nennt euch vielleicht „Protestwähler“ – aber ihr seid für mich einfach nur Nazi-Sympathisanten Wisst ihr was Protest ist? Was Sophie und Hans Scholl 1943 gemacht haben, DAS ist Protest. Googelt man „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ – DAS IST PROTEST.

Aber bis ich wählen kann, fange mal klein an, so wie vor der Wahl, als ich die AfD-Flyer in unserem Hauseingang in Tausend Stücke gerissen und in die Papiertonne geworfen habe. Stecke mir einen dicken, schwarzen Edding in meine Handtasche. Und male jedes Mal, wenn ich ein Bild der AfD sehe, ein Hitlerbärtchen oder einen Penis auf die Stirn. Einfach nur so, weil ich die Partei und alle, die sie gewählt haben, richtig Scheiße finde. FCK OFF /mic drop

Ich zahle gern irgendwann den Spitzensteuersatz, aber ich möchte in der Tagesschau keine Menschen sehen, die denken, Digitalisierung sei Whatsapp und Facebook. Bei der nächsten Wahl, das habe ich mir geschworen, will ich zumindest mit meiner Stimme ein kleines Gewicht geben. Vor allem in Zeiten, in denen die Fragen, ob Kreuze in Behördenfluren hängen sollten und ob der Islam zu Deutschland gehört, dringender sind als Themen wie Rentensystem, Bezahlung von Pflegekräften, die Reform der Grundsteuer und Kitaplätze für junge Familien.

Aber natürlich geht es nicht nur politische Verantwortung. Oder um ein Sich-Angekommen-Fühlen.

ICH MÖCHTE REISEN…

… und dabei nicht dubiose Fragen und 20-Seiten lange Anträge beantworten und ausfüllen müssen, auf denen ich gefragt werde, ob ich zu einer terroristischen Vereinigung gehöre und auch wieder vorhabe, nach Deutschland zurückzugehen. Ich möchte eine meiner besten Freundinnen einfach mal am Wochenende in Irland besuchen können, wenn es ein gutes Angebot gibt. Ich möchte am Münchner Flughafen mit den Worten begrüßt werden „Willkommen zurück“ und nicht „Können Sie mich verstehen?!“. Ich möchte einen Ausweis aus Plastik und nicht einen Papierpass, den ich immer zehnmal in Folie wickle, aus Angst, er könnte kaputt gehen. Ich möchte mit meinem Mann einmal zusammen in einer Schlange stehen und uns nicht am Schild „EU-Bürger“ und „Sonstige“ trennen.

Und ja, Stempel und tolle, farbige Visabilder sammeln ist schon recht nett -aber ich bin 30 und jedes bunte Bildchen kostet mich mindest eine graue Haarsträhne und irgendwo zwischen 150-250€. So not worth it!

NEXT STEPS

Im nächsten Teil nehme ich euch bereits mit in meinen ersten Termin in das Kreisverwaltungsreferat München, erzähle warum man für einen erfolgreichen Besuch min. zwei Staffeln The Walking Dead gesehen haben muss und erkläre euch, warum es tatsächlich die beste Entscheidung war, nach der Hochzeit meinen Namen ersteinmal zu behalten. Denn wenn ihr glaubt, hier würde es nur um die Staatsbürgerschaft gehen… Tja, liebe Genossinnen und Genossen, da würdet ihr ja den halben Spaß verpassen!

Doswedanja, Servus, Bussi & Babba

1 Comment
  1. Super interessant und perfekt geschrieben! Kenne es nur zu gut, ich besitze zwar die deutsche Staatsbürgerschaft aber meine Frau besitzt die russische Staatsbürgerschaft. Sie möchte auch aufgrund ihrer Oma in Russland weiterhin Russin bleiben. Bei Reisen gestaltet es sich aber immer als schwer und aufwendig. Ich lese gerne mehr von dir!

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