Nach dem Frost – Von einer Reise, die Abschied bedeutet

Wie ich diesen Beitrag anfangen soll, weiß ich nicht. Ob ich das hier überhaupt schreiben sollte – auf meinem Blog über Reisen, Genuss und die Freuden des Lebens. Irgendwie scheint das, was passiert ist, so groß, so umfassend, dass Worte mir irgendwie unwichtig und klein vorkommen. Und ich habe einfach Angst, dass Worte nicht genug sind. Vielleicht ist es auch noch zu früh, aber die Worte sind da und ich muss erzählen, damit das, was passiert ist, aus meinem Kopf strömt. Und irgendwie passt es vielleicht auch doch. Weil nicht jede Reise etwas mit Freude zu tun hat, mit Urlaub oder mit neuen Entdeckungen. Manche Reisen sind auch traurig, führen in die Heimat, wecken Erinnerungen. Aber eins gibt’s dann doch bei jeder Reise, auch bei dieser: ’nen Abschied. 

Ich sitze gerade am DME. Es ist das Flughafenkürzel für den Flughafen Moskau Domodedovo. Die ganze Nacht war ich mit dem Zug unterwegs, das gleichmäßige Rattern über die Schienen wird mir noch nächtelang nachhängen. Transsibirische Romantik in einem Vierer-Abteil. Es ist ein winterliches Russland, von dem ich Abschied nehme. Ein Russland aus dem Bilderbuch, mit Frost, Menschen in dicken Pelzmützen, dampfenden Piroggen. Es ist ein hartes, aber ein schönes Russland. Mein kleines gelbes Nachtlicht brannte fast die ganze Nacht, in meinen Händen Henning Mankells „Vor dem Frost“. Ein verstorbener Autor. Kaltes Schweden zwischen den Buchseiten. Kaltes Russland vor dem Fenster. Wie passend. Es gibt hier im Flughafen ein Restaurant im zweiten Stock, es heißt Mu-Mu. Ich löffle Bortscht, den zu kochen ich endlich gelernt habe. Mit den 2h Zeitunterschied ist es in Deutschland gerade einmal 7Uhr. Bortscht zum Frühstück. Russland hat mich noch gnädig empfangen, -10°C zeigt das Thermometer. Ganz ok, denk ich mir gerade. Gestern hatte es nachts -15°C.

Eigentlich wollte ich euch einen Geschenke-Guide für Reisende vorstellen, unsere Hochzeit aufleben lassen, von der nächsten Reise schwärmen. Genau 2 Wochen ist unser großer Tag jetzt her. Aber letzte Woche ging ein Riss durch mein Leben, mein Herz, meinen Kopf, mein Dasein, die Zeit. Wie ein tiefer Graben zwischen einem „Davor“ und „Danach“. Und ich wurde auf die eine Seite katapultiert. Ein Graben, den ich nie wieder überwinden kann, weil es kein Zurück gibt. Ein Riss der kleiner werden, aber nie verschwinden wird.

Eine Woche nach unserer Hochzeit, an unserem 4-jährigem Jahrestag, und genau vor einer Woche, kam der Anruf. Ich hatte schon beim Mittagessen gesehen, dass meine Cousine angerufen hatte. Und meine Mama. In dem Augenblick habe ich es gewusst.

Ich frage meine Mama: Der Opa?

Und sie sagt: Der Opa.

Der Opa ist heute gestorben.

Und seitdem ist in meinem Kopf ein Rauschen. Wie ein altes Radio, das immer nur eine Nachricht sendet

Ich spreche mit den Kollegen. Fahre heim. Buche die Flugtickets für den nächsten Tag. Werfe die Kleidung in den Koffer. Schwarze Hosen, schwarzer Pulli, schwarze Blusen. Rote Augen. Seit 1995 trete ich diese Reise an. 3.000km. Was ich brauche könnte ich im Schlaf packen. Und ich packe wie ein Schlafwandler. Am Flughafen zeigt die Waage für unsere Koffer nur 9,5kg an. In 21 Jahren war er noch nie so leicht. Und doch so schwer.

Ca. 4 Wochen vor der Hochzeit war mein Opa gestürzt und war einen Tag lang liegengeblieben. Seitdem hat er sich nicht mehr erholt. Im Juli war er 80 Jahre alt geworden. Oma gibt es schon lange nicht mehr, seit 1988. Er hat nie wieder geheiratet. In solchen Momenten wünschte ich mir, es gäbe ein Leben danach. Das besser ist, leichter. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich an Glauben gewonnen oder ihn noch mehr verloren habe.

Ich weine so oft in den letzten Tagen, dass ich mich frage, ob man vom Weinen einen Muskelkater bekommen kann. Hier am Flughafen überkommt mich eine kurze, heftige Welle von Traurigkeit, aber als ein paar Tränen sich ihren Weg bahnen, zieht sich mein Gesicht wie bei einem Krampf zusammen, von den Zähnen über die Nase, die Augen, bis zur Stirn. Es kommen keine Tränen. Es ist einfach nichts mehr da.

Wenn man noch alle Großeltern hat oder mit ihnen noch in der gleichen Stadt wohnt, dann kann man dieses Gefühl vielleicht nicht verstehen. Die stetigen Reisen. Die stetigen Abschiede. Und immer wieder die Frage: Sehen wir uns das letzte Mal? Ja. Diesmal war es das. Er hatte mich wieder zum Bus gebracht, wir sind eine Stunde früher losgegangen, ich mit dem Koffer, er mit dem Gehstock. Langsam zur Bushaltestelle. Ich seh‘ ihn immer noch vor mir, wie er mit seiner Schiebermütze dasteht und dem Bus nachsieht. Er hatte mir seinen Ehering mitgegeben, für Matze, für uns. Ich sehe ihn noch immer vor mir, wie er an der Bushaltestelle steht. Jedes Jahr habe ich mir das Bild in den Kopf eingebrannt. Letztes Mal war dann wohl für immer.

Früher hat er mir die Tür geöffnet, auch wenn ich Nachts angekommen bin. Heute sperren wir selbst auf. Die Wohnung riecht immer gleich nach Zuhause. Seine Schuhe sind noch da. Aber er ist es nicht mehr. Er wird nie wieder die Tür aufmachen.

Am Tag der Beerdigung schneit es. Die orthodoxe Messe ist am offenen Grab. Ich sehe meinen Opa an. Er liegt dort. Aber er ist nicht da. Es riecht nach Weihrauch. Gebet über Gnade, Vergebung und Ewiges Leben. Flackernde Kerzen, Ikonen mit goldenen Heiligenscheinen. Er ist so klein in diesem großen Sarg. Gar nicht der Mann, an den ich mich erinnere. Meine Mama verliert ihren Papa. Und auf einmal erfasst mich die grausame Angst vor der Zukunft, in der auch ich sie irgendwann verabschieden muss und alles bäumt sich in mir auf und schreit NEIN. Und auch die Angst, dass sie mich verlieren könnte. Dass ich sie, ohne es zu wollen, alleine lassen könnte.

Ich beschließe in diesem Augenblick nächste Woche den lang überfälligen Termin beim Hautarzt zu machen.

Am meisten weine ich in diesen Tagen beim Essen. Ich weiß auch nicht warum. Vielleicht weil Essen für mich schon immer Zuhause bedeutet hat. Wenn in der Küche stehe und den Gasherd anmache, sehe ich ihn vor mir, wie er etwas in der Pfanne wendet. Die Tasse, aus der er zuletzt getrunken hat, steht neben der Spüle. Bratkartoffeln in Schmalz und Speck, Pfannkuchen mit Äpfeln gefüllt oder eine ganz bestimmte Art von Sülze, ohne Essig – wenn ich da war, hat er sie mir gemacht. Nie wieder wird es gleich schmecken, ich habe ihn nie nach seinem Pfannkuchen-Rezept gefragt. Beim Essen hat er immer Radio gehört.

Um jederzeit im Notfall nach Russland einreisen zu können, habe ich immer noch einen russischen Pass. Obwohl ich es seit 15 Jahren anders haben könnte. Für Russland gibt es kein Long Permit Visitor Visa, für jede Einreise bräuchte ich dann eine eigene Einreisegenehmigung, deren Bearbeitung bis zu 4 Wochen dauern kann. Und was, wenn ich sofort einreisen müsste, so wie jetzt…? Aber noch nie waren meine Prioritäten so klar. Lieber würde ich hunderte von Euro und unendlich viele Nerven für Visa und Einreiseformulare beim Reisen hergeben als die Möglichkeit, sofort bei ihm zu sein. Am Ende hat es nur für die Beerdigung gereicht. Haben wir was falsch gemacht? Waren wir nicht genug da? Zu weit weg? Der russische Pass. Die Beerdigung. Meine Wurzeln, die sich auf einmal scheinbar auflösen. Wo ist sie jetzt, diese Heimat? Wo ist sie jetzt, wenn er nirgends ist?

Nie wieder wird in Rot in meinem Terminkalender für das Wochenende stehen: „Opa anrufen!“

Vor der Hochzeit liegen die Nerven eine Woche blank. Was, wenn er stirbt? – frage ich immer wieder. Eine Antwort kommt nicht. Eine Woche davor? Einen Tag davor? In dem Moment? In meiner Hochzeitsrede sage ich noch, wie sehr er mir fehlt. Er hält tapfer durch. Ich bin felsenfest davon überzeugt, er tut es für mich. Hält durch. Hält sich fest. Ich stecke Matze den Ring an den Finger, er mir. Und dann lässt er los. Er lässt los und ist nicht mehr da.

Es werden keine Postkarten mehr auf diesem Wohnzimmertisch landen.

Wie geht’s dir? – Nicht richtig gut. Nicht so richtig schlecht. Als würde alles fad schmecken. Als ob die Welt an manchen Tagen die Farbe verliert. Als ob ich innerhalb eines Bildes male mit der stetigen Angst über den Rand zu malen. Wie ein zerbröselter Keks. Wie eine ausgetopfte Pflanze. Als ob meine ganze Kraft darauf geht, ich zu sein. Überhaupt zu sein. Wie ein Luftballon, der nur noch an einem dünnen Faden hängt. Wie ein Bürogummi, zum Zerreißen gespannt, so gedehnt, dass er in der Mitte schon weiß wird und ausfranst. Wie ein Topf, der kurz vorm Überkochen ist und der Schaum sich schon am Rand staut. Wie auf einem Fahrrad mit einem lockeren Vorderrad, so dass die ganze Kraft darauf geht gerade aus zu fahren. Und links und rechts ist ein Abgrund. Ich fühle mich nicht halb. Aber auch nicht ganz. An manchen Tagen bin ich nur ein Viertel.

Dann schaue ich aus dem Fenster und denke an unseren Garten, der jetzt verwildern wird, weil niemand ihn bearbeiten wird. Die Traubenranken werden das Haus überwuchern, in dem wir früher übernachtet haben. Am offenen Feuer gegrillt. Mit eiskaltem Wasser das Gesicht gewaschen. Tomaten frisch vom Strauch gepflückt. Ein Ort, der nur noch in meiner Erinnerung bestehen wird. Wäre er in Deutschland, ich würde für diesen Garten leben. Jetzt sehe ich seinem Verfall entgegen. Das Haus hatte Opa für Oma selbst gebaut.

Mit jedem Schritt, jedem Atemzug, bin ich weiter weg von ihm. Der Wohnung. Der Heimat. Hier, auf dem Flughafen, ist No-mans-land für alle. Hier bin ich nicht ganz weg. Und noch nicht ganz da.

Wie geht’s dir? – Letzten Endes gibt’s es auf diese Frage keine Antwort in einem Wort. Oder einem Satz. Es ist ein Ozean und Trauer und Freude kommen in Wellen. Ich tauche meine Zehen ins Wasser uns hoffe, dass ich nicht weggeschwemmt werde. Matze hält meine Hand und ich halte die von meiner Mama. Ich schaue auf den Ozean, der vor mir liegt. Der das Leben ist.

Ich denke nicht, dass ich über meine Gefühle und diese Zeit nochmal hier schreiben werde. Aber jetzt, wo es geschrieben ist, wo es aus dem Kopf raus ist, mir nicht mehr auf der Zunge liegt, sondern hier, fühle ich mich seltsam leicht. Als hätte jedes Wort eine Tonne gewogen. Als könnte ich die Worte einfach mal kurz abstellen und verschnaufen. Ich bin so müde.

Ich wünschte auch, ich könnte am Ende jetzt etwas Positives schreiben. Etwas darüber, dass das Leben weitergeht. Dass ich den Kopf nicht hängen lassen werde. Dass es das Wichtigste ist, Kraft in anderen Dingen zu finden. Irgendwas mit dem Lauf der Dinge. Aber die Wahrheit ist: Ich kann nicht.

7 Tage ist es jetzt her. Zu kurz. Und ewig lang.

Ich werde einfach weitermachen, in einem Tempo, das ich halten kann. Langsam, aber stetig. Werde trauern. Werde lachen. Mich an meine eigenen Ratschläge halten, bis ich selbst wieder daran glaube. Zeige euch die Hochzeit. Schreibe To-Do Listen. Gehe wieder in die Arbeit. Bin bei meiner Mama. Freue mich vielleicht ein bisschen auf Weihnachten, wenn es klappt. Um dann wieder wirklich von ganzem Herzen der positive Mensch zu werden, der ich bin und sagen zu können:

Opa, ich vermisse dich jeden Tag. Und das ist irgendwie ok.

Irgendwann ist es bestimmt irgendwie ok.

4 Comments
  1. Ich hatte beim Lesen Tränen in den Augen und weiß nicht, was ich jetzt schreiben soll. Aber ich weiß, dass ich einen Kommentar hinterlassen möchte.
    Mein aufrichtiges Beileid zu dem Verlust!

    Ich selbst habe keine Großeltern mehr, einige von ihnen haben in einem anderen Bundesland gelebt, wir sind immer 3h hingefahren, am Abend 3h zurückgefahren. Um sie zu sehen. Zu lachen. Geschichten zu erzählen. Denn wir wussten nie, ob sie bei unserem nächsten Besuch noch da sind. Natürlich ist das nichts im Vrgleich zu der Entfernung Deutschland-Russland, aber es ist dennoch etwas anderes, als wenn die Großeltern ‚um die Ecke‘ wohnen.
    Ich kann deinen Schmerz so gut nachvollziehen, kann so gut nachvollziehen, was dir jetzt durch den Kopf geht. Wie du dich fühlst. Nimm dir alle Zeit, die du brauchst. Gehe in deinem eigenen Tempo weiter, mache kleine Schritte. Und wenn dich die Trauer überwältigt, lasse sie zu. Und er wird in euren, in deinen Gedanken weiterleben. Es wird eine Weile dauern, es zu realisieren. Es langsam zu akzeptieren. Und wie du richtig schreibst: Irgendwann ist es bestimmt irgendwie ok. <3

    Ich wünsche dir ganz viel Kraft, das alles zu verarbeiten. Er wird über dich wachen, auch, wenn er nicht mehr unter uns weilt.
    – Sophia

  2. Danke, dass du diesen Text geschrieben hast! Ja er ist traurig, aber ich finde es darf auch mal einen traurigen Text auf einem Blog geben. Auf jeden Fall finde ich ihn sehr gut geschrieben und ich konnte deine Gefühle sehr gut nachvollziehen. So gut, dass du mich jetzt gerade ein bischen zum Weinen gebracht hast: Genau heute vor einem Jahr hatte meine Oma einen Schlaganfall, am 6. Januar 2016 ist sie dann gestorben. Ich weiß noch genau, wie es war, als ich nach ihrem Tod zum ersten mal wieder in ihrem Haus war. Es war, als hätte das Haus seine Seele verloren. Statt Liebe und Geborgenheit fand ich dort nur noch eine große Leere. Nun, inzwischen sind Wochen und Monate vergangen und das Leben ist weiter gegangen. Aber natürlich denke ich noch manchmal an sie.
    Ich kann jetzt gerade nirgends entdecken, wie alt dieser Post ist und wie lange das mit deinem Opa also her ist. Falls es noch angebracht ist, wünsche ich dir auf jeden Fall mein Beileid.

  3. Du hast so gute Worte für das alles gefunden!
    Ich habe 2015 (es kommt mir vor, als wäre es ewig her und irgendwie trotzdem gerade erst) etwas ganz Ähnliches erlebt. Auch wenn bei mir die Frage nach dem Warum noch mehr im Vordergrund stand, verstehe ich so viel von dem, was du schreibst so gut!

    Meiner Erfahrung nach wird es nicht leichter und verstehen kann man es wahrscheinlich niemals. Aber etwas Positives konnte ich sehr wohl irgendwann finden: Der Mensch hat so viel hinterlassen, so viel in Bewegung gebracht und auch wenn ich die Erinnerungen schätze und manchmal wie du beschreibst nicht weiß, ob mein Glaube an das Gute nachgelassen hat oder stärker wurde, weiß ich ein bisschen mehr, was ich von meinem Leben möchte. Und was nicht. Und bei jeder Entscheidung, die ich für das hier und jetzt und gegen die Vernunft, die Vergangenheit oder nur die Zukunft treffe, denke ich an ihn und bin ich bisschen dankbar.

    Ich wünsch dir, dass du den richtigen Weg für dich findest, das anzunehmen. Fühl dich gedrückt!
    Vera

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