Postkarte aus Frankreich

„Hallo von der schönsten Küste Frankreichs! Uns geht’s gut hier, richtig gut. Das Wasser ist wärmer als gedacht, die Wellen sind ok, das Wetter ist schön. Wir genießen jeden Tag. Liebe Grüße an alle! J + M.“

Das klingt doch nach einer Postkarte, die ich verschicken würde. Eine, die nichts aussagt und doch irgendwie alles. Das Wasser ist warm. Die Wellen sind gut. Das Wetter ist schön. Uns geht es gut. Und was soll ich sonst noch sagen?

Der Ort Carcans-Plage bedeutet für mich Ruhe, Abgeschiedenheit, Stille, absoluter Reizentzug. Der Ort besteht aus einer handvoll Häusern, zwei Eisdielen, drei Restaurants, zwei Surfer Bars, zwei Surfschulen, einem Laden in dem Armbändchen zu kaufen gibt, einer Metzgerei, einem Supermarkt, der kleiner ist als jeder Zeitungskiosk in Giesing und einem Campingplatz. Wenn es am Strand voll ist, dann sehe ich für die nächsten Kilometer nach Links und Rechts etwa dreißig Handtücher. Ansonsten so weit der Blick reicht nur Dünen und Wellen. Lasst euch aber nicht täuschen, fährt man hier zur Hauptsaison hin (Ende Juni bis Ende August) ist hier die Hölle los – das sieht man auch an den großflächig angelegten Parkplätzen in den Dünenwäldern, die geisterhaft leer aussehen, als wir da sind.

Als wir ankommen, komme ich mit meiner Existenz zuerst nicht klar. In meinem Kopf ist ein Sturm, der sich nicht legen will. Neben der Arbeit, die einem vor dem Urlaub immer besonders anstrengend erscheint, war da noch die Reise nach Dublin zur Hochzeit von K. und die Visabeschaffung (ahoi, russicher Pass…) , da waren noch die finalen Abstimmungen im Dokumentendschungel um unsere eigene Trauung, da war isarweiss. Die Wochen vor dem Urlaub waren intensiv, schön – aber eben doch eine Aneinandereihung von To-Do-Listen und der permanenten Angst, dass irgendwo irgendwas unbemerkt runterfällt, in dessen Scherben man erst sehr viel später treten würde.

Und so saß ich am ersten Tag wie lahm gelegt in unserem Van, hatte das Gefühl ich muss die Wäsche nochmal falten, muss den Tisch nochmal sauber machen, muss die Kühlbox auswischen, hatte das Gefühl ich hätte zu viel gepackt (hatte ich auch) und könnte mich nicht einfach so hinsetzen (konnte ich aber). Ich hatte das Gefühl, ich hätte noch unbedingt etwas zu tun (hatte ich aber nicht) und könnte doch nicht einfach nur so sitzen. Aber ich war an einem Ort, an dem ich absolut nichts tun konnte, selbst wenn ich es gewollt hätte. Kein Input. Der nächste große Supermarkt 25km entfernt. Selbst das WiFi hat in den ersten Tagen nicht funktioniert. Und so setzte ich mich dann einfach auch irgendwann hin, wir rauchten Wasserpfeiffe unter den Pinien, der Sturm im Kopf legte sich zu einem angenehmen Ideenflow und zwei Wochen lang tat ich nichts anderes aus Panaché, Cidre, Wein und kalte Cola zu trinken, ungesunde Mengen an Käse und Baguette zu essen und mein Brett zum Strand zu tragen, was am Anfang die Hölle war und dann immer leichter wurde. Genau wie das Surfen (und ich mir wieder heimlich wünschte, München würde am Meer liegen….).

Die ersten drei Tage gehen wir noch vor 22Uhr ins Bett, während es eigentlich noch komplett hell ist, aber wenn wir müde sind, sind wir müde und niemandem eine Rechenschaft schuldig. Am ersten Abend schlafen wir von 21Uhr Abends bis 10Uhr morgens durch. Wir gehen surfen, meistens zwei Mal am Tag, aber zu selten zum Morningsurf. Wir gehen bummeln und shoppen und ich finde wieder die schönsten Boho-Teile bei Billabong im Parc d’Activité Pédebert, ich esse Muscheln und staune wieder und wieder über die gigantischen Supermärkte in Frankreich. Mich interessiert fast nichts, was woanders passiert, aber es ist ein bedrückter Tag, als für den Brexit abgestimmt wird. Nehme mir wieder fest vor, mein Französisch aufzufrischen. Morgens wache ich auf und sehe die Kronen der Pinienbäume durch die Rückscheibe. Hier verstehe ich, warum Leute immer wieder an den gleichen Ort fahren. Hier komme ich runter. Oder besser gesagt: Ich schwebe ich, weil kein Ballast mich hält.

Ich werde noch eine Menge Beiträge in der Frankreich-Kategorie auffrischen und es werden auch eine Menge neuer hinzukommen. Aber langsam. Eins nach dem anderen. Damit der Flow ein Flow bleibt und kein Sturm.

PS: „Auf Matzes Vorschlag hin sind wir auch noch Tandem gefahren – und da ich wegen dem Gleichgewicht hinten saß, ist der innere Kontrollfreak in mir, der nicht gerade aus sehen und auch nicht lenken konnte, nur Tausend Tode gestorben!!!!!“

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