Reisen mit einem russischen Pass

Reisen mit einem russischen Pass

Erst dieses Jahr veröffentlichte der Telegraph den Artikel, aus dem hervorgeht, dass der Deutsche Pass „The world’s most powerful passport“ ist und im Visa Restriction Index von H&P, der jährlich veröffentlicht wird, auf Platz 1 ist.

Von 218 Ländern können Deutsche 177 ohne Visa bereisen. Einfach so. Flug buchen. Einreisen. Fertig. Und während ich hier von meinen schönen Reisen erzähle, steckt hinter den meisten unglaublich viel Aufwand. Denn ich habe einen russischen Pass. Auf Platz 48.

Noch nie habe ich dieses Thema hier auf dem Blog gebracht, noch nie darüber geschimpft, noch nie gesagt, wie viel Arbeit, Geld und Zeit mich manche Reiseplanung kostet. Noch nie erzählt, dass das Erste was ich machen, bevor ich eine Reise buche, mich erkundige, wie die Visabestimmungen für mich sind. Bei jeder An- und Abreise bange ich, ob alles geklappt hat. Stimmt Pass- und Visanummer überein? Habe ich alles richtig eingereicht? Der kritische Blick der Einreisebeamten, wenn sie mehrmals vor und zurück durch meinen Pass blättern, lässt mich regelmäßig erstarren.

Während andere 60€ für einen Ryanair-Flug zahlen, zahle ich nochmal meistens 100€ für das Visa drauf. Spontan Länderhopping in Südostasien? Ist nicht. Visa checken. Spontan doch nicht nach Vietnam, sondern auf Fiji? Nope. Pass bitte. Während Matze nach Hause kommt und easy durch den EU-Schalter geht, manchmal sogar seinen Ausweis nur auf Lesegerät legt, stehe ich an der Non-EU Schlange, vor mir die indische Großfamilie oder Russen auf der Durchreise ins Skigebiet, die kein Deutsch sprechen. Ich stehe Ewigkeiten in dieser Schlange an, Matze holt dann schon mal das Gepäck. Manchmal ruft der Beamte dann: „Spricht hier jemand Deutsch und Russisch?!“. Manchmal melde ich mich, damit es schneller geht.

Der Schengenraum – Mein Europa

Das, was Reisen für mich unendlich viel leichter macht, ist der sogenannte Schengen-Raum, benannt nach dem Schengen Abkommen, den viele zwar grob aus der Tagesschau kennen, aber vielleicht gar nicht so richtig verstehen, was das bedeutet. Der Schengenraum erlaubt Reise- und Bewegungsfreiheit zwischen den Mitgliedsstaaten durch die Abschaffung der Binnengrenzen und Grenzkontrollen für Personen, Güter, Dienstleistungen und Kapital. Das bedeutet, dass ich mit meinem Aufenthaltstitel für Deutschland auch ohne Visa in andere Länder einreisen kann. Der Schengenraum ist nicht EU-gebunden. Die Schweiz z.B. ist nicht in der EU, aber sehr wohl ein Mitgliedsstaat des Schengenraums.

Warum ich euch das erzähle?

Weil ich mich erinnern kann, wie es 1995 war, als wir um nach Österreich zu kommen am Münchner Hauptbahnhof an einem Konsulatsschalter anstehen mussten.

Und wenn ich in der Tagesschau sehe, wie irgendwelche rechtsgesinnte Politiker und man-wird-doch-wohl-noch-Angst-haben-dürfen-Bürger fordern wieder Grenzkontrollen einzuführen, dann kann ich nur den Kopf schütteln.

Wenn Österreich Grenzkontrollen einführt zum Beispiel, dann hat niemand gewonnen. Dann stehen wir alle wieder vor geschlossenen Schranken, egal ob deutscher oder nicht-deutscher Pass. Und warten am Brennero 5h, damit wir an den Gardasee fahren können.

Ein Wochenende in Irland mit russischem Pass – Ein Beispiel

Irland gehört nicht zum Schengenraum und ich möchte euch kurz aufzeigen, was das mit einem russischen Pass bedeutet.

Eine meiner engsten Freundinnen lebt bereits seit Jahren in Dublin, hat dort die Liebe ihres Lebens gefunden und letztes Jahr dort auch geheiratet. Matze und ich buchten unsere Flüge für 180€ pro Person. Für ihn war alles erledigt. Für mich ging der Spaß erst richtig los. Das sieht dann ungefähr so aus:

  • Auf der Seite der irischen Einwanderungsbehörde erkundige ich mich nach den Einreisebestimmungen. Manchmal gibt es einen Konfigurator, in den ich eingeben kann, wo ich wohne und was für eine Nationalität ich habe. Unterschieden wird trotzdem nicht, ob ich bereits seit 25 Jahren in Deutschland lebe oder Urlaub aus Russland heraus machen will. Eine Seite, wo alles auf einen Blick steht, gibt es meistens auf keiner Behördenseite. Ich klicke mich meistens 1-2 Stunden durch die Seite und 30-seitige PDFs, bis ich alle wichtigen Informationen zusammen habe wie z.B. Kosten, wohin sie zu überweisen sind, ob der Pass eingeschickt werden muss, welche Dokumente benötigt werden
  • Dann fange ich an Dokumente zusammenzutragen, die ich meinem Antrag beilegen muss. Im Fall von Irland sah die Dokumenteliste so aus: 2xPassfoto in einem bestimmten Format, Kopien meines Passes, Kopien meiner Meldebescheinigung hier in München, Kopien meines Aufenthaltstitels + beglaubigte Übersetzung, falls das Dokument auf Deutsch ist. Ein Auszug meines Kontos für die vergangenen 90 Tage. Gehaltsnachweise der letzten 3 Monate. Ein Schreiben, in dem ich verpflichtend angebe, nicht nach Irland auswandern zu wollen. BEWEISE, die das belegen sollen. Das bedeutet: Mietvertrag, Arbeitsvertrag, übersetzt. DANN: Einladungsschreiben meiner Gastgeberin oder eine bestätigten Hotelbuchung. Nachweis der Gastgeberin über ihre Meldung vor Ort, sowie Kopie ihrer Sozialversicherungskarte.
  • Habe ich alle Dokumente zusammen, stelle ich den Antrag. Entweder muss hierzu ein Formular ausgedruckt werden, inzwischen geht es aber auch zum Glück online. Ein Visa-Antrag ist meistens zwischen 20-30 Seiten lang und es kostet mich im Durchschnitt 2-3 Stunden ihn auszufüllen. Dort erwarten mich u.a. folgende Fragen:

Wo ich in den letzten 10 Jahren zur Schule/Uni/Arbeit gegangen bin, inkl. Adresse und genauem Zeitraum

Was ich zur Zeit arbeite und was zu meinen Aufgabenbereichen gehört

Warum ich in Deutschland lebe aber einen russischen Pass habe

Ob ich auf dem Hinflug schwanger sein könnte

Wie die genaue Reiseroute aussieht

Ob ich Mitglied in einer Terroristischen Vereinigung bin, war oder vorhabe zu sein (YES/NO)

  • Ich überweise die Gebühr. Unabhängig davon, ob ich ein Visum bekomme oder nicht. Manchmal ist sogar umsonst (Japan), aber meistens zahle ich irgendetwas zwischen 80€ und 180€ inkl. Versand.
  • Anschließend erfolgt das Schlimmste: Ich schicke meinen Originalpass weg. Und hoffe, dass die Deutsche Post ihre Arbeit richtig macht.
  • Manchmal folgt ein Interview im Konsulat oder einer zwischengeschalteten Agentur (so geschehen bei einem Visum für Großbritannien) oder die Abgabe von Fingerabdrücken im Vorfeld.
  • Dann folgt 1-4 Wochen Wartezeit, in der ich Angst habe, der Antrag könnte abgelehnt werden oder der Pass verloren gehen
  • Der Pass kommt zurück. In den letzten 10 Jahren wurde mir nur einmal ein Antrag im ersten Schritt wegen eines Bearbeitungsfehlers auf Seiten des Konsulats abgelehnt. Einreisen durfte ich dann trotzdem.

So sieht sie aus, meine Reiseplanung. Wie ihr seht, wenig glamourös. Im Vordergrund steht bei mir also selten die Inspiration via Pinterest oder das Stöbern in Reiseführern. Im Vordergrund steht erst einmal die bürokratische Arbeit. Das akribische Lesen und Sammeln von Dokumente. Und dann kostet der Spaß auch nochmal richtig Geld. Letzten Endes ist es Strip-Poker am Einreiseschalter, mit dem Unterschied, dass ich immer verliere und immer nackt dastehe.

Manchmal sagen Leute zu mir – Ich gebe so viel Persönliches auf dem Blog preis, ob ich mir darüber überhaupt Gedanken mache, ob ich meine Privatssphäre nicht schützen will…?! Dann lache ich auf. So viel Privates, wie ich schon an Ländergrenzen mit fragwürdig veralteter Verwaltungssoftware preisgegeben habe, könnte ich euch hier auf dem Blog in 10 Jahren nicht erzählen!

Berechtiger Weise stellt sich dem ein oder anderen vielleicht die Frage: Wofür das alles?

Warum noch der russische Pass?

Seit 22 Jahren lebe ich bereits in Deutschland und habe doch keinen deutschen Pass., obwohl ich könnte. Denn von deutscher Seite erfülle ich schon seit jeher alle Kriterien und hätte den Pass schon von 15 Jahren beantragen können. Eine doppelte Staatsbürgerschaft kann ich nicht bekommen, denn hierzu muss man in Deutschland geboren sein. Ich müsste also meinen russischen Pass abgeben, um die Deutsche zu erhalten. Wer jetzt an seltsame Heimatmelancholie denkt oder an ein an Russland gebundenes Herz… – nein. Es hat alles schon immer absolut pragmatische Gründe gehabt.

Gebe ich meinen russ. Pass auf und werde Deutsche, brauche ich für Russland ein Visum. Da es keine Langzeit-Multiple-Entry-Visa für Russland gibt, müsste ich für jede Einreise ein neues Visum beantragen, was bis zu 4 Wochen Bearbeitungszeit kostet. Ich hatte bis vor Kurzem noch meinen Opa in Russland. Und wenn man mal schnell einreisen muss, wenn etwas passiert – so wie kurz nach der Hochzeit – dann wollte ich stets die Möglichkeit haben, es zu tun. Mein Opa ging immer vor. Vor allen Reisen. Vor allen Ländern.

…Und hat deine Ehe das Ganze nicht irgendwie begünstigt? Hast du nicht auch krasse Vorteile dadurch?  Nein.

Als Reisende und Touris sind viele es gewohnt, überall zu jeder Zeit einreisen zu können. Jederzeit überall hin zu können. Und vergessen gerne, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass Grenzen geschlossen waren. Bewacht wurden. Kontrolliert wurden. Dass man in manche Länder überhaupt nicht Einreisen konnte. Dass man nicht willkommen war. Als Hotels noch „Fremdenzimmer“ hatten. Als alles wirklich noch fremd war. Ich werde bei jeder Reise daran erinnert, dass die Reisefreiheit, die wir genießen, nicht selbstverständlich ist. Und dass es sich lohnt, gegen Rechte Parolen, nationale Abschottung und Angstmacherei zu stellen. Um die Freiheiten zu behalten, für die wir niemals kämpfen mussten, aber die es zu bewahren gilt, wenn wir die Welt zu einem besseren Ort gestalten wollen.

Für unsere große Reise brauche ich 5 Einreisegenehmigungen, manche darf ich erst 60 oder 30 Tage vor Anreise beantragen. Eine habe ich bereits. Eine weitere ist in Arbeit. Morgen beantrage ich die dritte. Drückt mir die Daumen!

8 Comments
  1. Oh je – ich kenne das nur umgekehrt… Das einzige mal, dass ich mit meinem Deutschen Pass wirklich Aufwand hatte, war bei meiner Reise nach Sankt Petersburg… Ansonsten gibts das Visum immer entweder direkt an der Grenze, oder man braucht erst gar keins.

    1. Ja, ich kenne von meinem Mann – er meinte auch: Wow, das musst du immer durchmachen? :D Russland ist eins der wenigen Länder, für das Deutsche ein Visa vorab brauchen!

  2. ein wirklich interessanter Beitrag, wenn man mit seinem Pass überall einfach so hinreisen kann macht man sich darüber wirklich keine Gedanken, wie schwer Leute es haben, nur weil sie einen anderen Pass haben
    macht es denn einen großen Unterschied, dass du in Deutschland wohnst, oder musst du deswegen nur ein paar andere Fragen beantworten?

    1. Nein, die meisten Länder machen leider keinen Unterschied, ob ich mich als Russin aus Russland bewerbe oder als jemand, der bereits seit über 20 Jahren in Deutschland lebt. Es beschleunigt höchstens mal den Prozess. Aber der Aufwand ist der Gleiche!

  3. Wow, mir war überhaupt nicht bewusst, dass es so große Unterschiede gibt, je nach dem welchen Pass man hat. Du arme! Und ich habe mich schon bei meiner Reise nach Amerika aufgeregt, das ist dagegen ja lächerlich…

    Und das mit den Grenzen stimmt absolut! Schlimm, das Menschen so etwas wollen können.

  4. Ich bin grade auch etwas baff. Mit so viel ‚Ärger‘, nur weil man einen anderen Pass hat, hätte ich nicht gerechnet. Und wie nackig man sich tatsächlich zum Teil machen muss finde ich erschreckend.
    Ich fand die Fragen beim Esta für die USA ja schon zum Teil lachhaft (als ob irgendjemand die Frage nach der Terrororganisation mit Ja beantworten würde, selbst wenn es so sein sollte). Aber was du noch alles nachweisen musst ist ja der Wahnsinn!

    Danke für diesen informativen, Augen öffnenden Beitrag!

    Liebst,
    Diandra von http://www.bakingavenue.com

    1. Danke dir für deinen lieben Kommentar. Ja, es ist tatsächlich erschreckend, wenn man darüber nachdenkt, wie sehr man sich entblößt…. Deshalb bin ich inzwischen etwas gleichgültig geworden was Privatssphäre angeht. Was eine erschreckende Entwicklung ist!

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