Sunday Soul | Berge und Ozean

(Bild aufgenommen auf der Zugspitze)

In letzter Zeit vergleiche ich das Leben oft mit der Natur: Dem Ozean, dem Himmel, den Bergen. Meistens dann, wenn mir einfach Worte fehlen. Wenn etwas so groß oder so unfassbar ist, dass nur noch die Natur als Rahmen herhalten. Denn was kann größer und unfassbarer sein, als die Natur und die Welt an sich, in der wir leben?

Ich erinnere mich noch an ein paar Gespräche in der ersten Jahreswoche: Die Feiertage waren vorbei, man machte sich Vorsätze (oder auch nicht) und sprach über seine Pläne für 2016. Und ich sagte immer, dass ich mich auf 2016 freue, weil augenscheinlich nichts Besonderes bevorstand. Niemand von uns zweien hatte vor, einen gravierenden Jobwechsel zu wagen oder umzuziehen oder Kinder in die Welt zu setzen. Es war keine Fernreise geplant, auf die man sich vorbereiten musste. Ich sagte: Ich freue mich auf ein ruhiges, schönes Jahr. Ist das nicht verrückt?

Und dann lief 2016 an und es zeigte mir, wie unvorhergesehen das Leben sein kann. Ja, für manche mag das keine neue Erkenntnis sein, aber ich würde sagen, erst dieses Jahr ist diese Wahrheit zu mir wirklich durchgedrungen. In unserem Outlook-Smartphone-Wunderlist-How-To-Do-it-yourself-Leben ist alles oft gut organisiert, top verpackt, perfekt durchgetaktet und geplant. Und ja, manchmal vergessen wir, dass wir manches nicht planen, nicht vorhersehen, nicht mitgestalten, nicht beeinflussen können. Und das trifft sowohl auf die schönen Dinge im Leben zu – als auch auf die traurigen.

Zum einen flatterten unverhofft Hochzeitseinladungen und Junggesellinnenabschiede ins Haus und brachten die Budgetplanung des Jahres ins Wanken („Sparen“ war die Devise nach Bali und dem Umzug). Neue Titel in der Arbeit brachten neue Aufgaben mit sich. Und dann war da noch der Moment, als M. mich fragte, ob ich seine Frau werden will und mein komplettes Sein für einen Augenblick lang auflöste, um in die unendlichen weiten des Himmels aufzusteigen und innerhalb von Millisekunden sich wieder zu einem neuen, glücklicheren Ich zusammenzusetzen.

Und ich wünschte mir, 2016 würde ewig so weiter gehen und dass immer neue gute Nachrichten kämen und neue Aufregende Wendungen und noch mehr Glück. Aber so läuft es nun mal nicht, vor allem nicht, wenn man das Leben mit dem Ozean vergleicht – An der einen Küste paddeln Surfer im warmen Wasser in den Sonnenuntergang. Und woanders ist Sturm.

Vor drei Tagen stand ich am Grab eines nahen Menschen und habe Abschied genommen. Von ihr, einer wundervollen, hart arbeitenden und verrückt ihren Sohn liebenden Mutter. Aber auch von dem Gefühl der Sicherheit im Leben, die es nicht gibt.

Es sind schöne, kostbare Jahre, in denen Freunde heiraten, sich zueinander bekennen, zu einer Familie werden. Wir können froh darüber sein, dass wir für soetwas Geld ausgeben und Zeit aufwenden können – und nicht für Beerdigungen und Scheidungen. Wir können froh sein, dass das Leben um uns herum – und vielleicht auch unser eigenes – aus Good Vibes besteht, aus neuen Ereignissen, aus Liebe, aus Aufregung.

Denn irgendwann wird es auch wieder anders sein. Irgendwann werden wir mit unserem hart erarbeiteten Geld wieder nur Einkaufen gehen, Rechnungen zahlen, Reparaturen, OPs, Trennungen, Umzüge. Irgendwann sterben auch unsere Großeltern, Geschwister, Partner, Mütter.

Aber daran müssen wir jetzt nicht denken. Nur im Hinterkopf behalten, dass alles endlich ist. Und nicht endlos. Alles ist möglich. Aber nichts ist sicher.

Jetzt ist die Zeit sich zu freuen! Jetzt ist die Zeit um zu Leben und zu feiern, denn so jung, so frei werden wir nie wieder sein! Jetzt ist die Zeit, in der wir Erinnerungen machen, Entscheidungen treffen, das Leben genießen sollen. Es gibt eine Zeit, um zu Trauern. Und es gibt eine Zeit, sich zu freuen. Und manchmal fällt alles zusammen. Und das ist dann der wilde, raue Ozean des Lebens.

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