Sunday Soul | Hallo, Frau Metzger

Gestern habe ich meine Reisekiste für den Umzug ausgemistet. Eigentlich wollte ich sie einfach nur einpacken, aber dann war das so, wie es immer ist: Man findet einen alten Liebesbrief, einen USB-Stick oder ein Fotoalbum und versinkt in Erinnerungen, anstatt das Expedit-Regal weiter auszuräumen. Ich bin da wirklich ganz groß darin!

In meiner Reisekiste finden sich Artikel aus Zeitschriften zu Städten, in denen ich noch nicht war, Mitbringsel, Eintrittskarten (z.B. aus dem Louvre oder einem Tempel in Chian Mai), getrocknete Blumen, Horoskope aus japanischen Tempeln. So wie manche die ersten Sachen für ihr erstes Baby sammeln, sammle ich Fundstücke aus aller Welt und Wünsche für meine Bucketlist. Dann halte ich ein Stückchen Goldpapier in den Händen, wie man es in Südostasien in Tempeln als Opfergabe kaufen kann. Aber das Goldpapier gehört nicht mir. Es gehört Ihnen, Frau Metzger.

Meine Lehrerin in der Grunsdchule, in der 3. und 4. Klasse, eine kleine, rundliche Frau mit einem Haarschnitt wie Anne Wintour. Ich erinnere mich daran, wie ich sie am Anfang streng fand, aber dann immer herzlicher. Sie hatte ein raues Lachen und viel zu kleine goldene Ringe an ihren Händen. Sie hatte keinen Mann und ihr Papa war krank. Damals verstand ich nicht wirklich was es bedeutete alleine einen Elternteil zu pflegen. Heute verstehe ich, dass Frau Metzger vielleicht manchmal einsam war in ihrem großen Haus. Im Unterricht lachten wir viel.

Sie war viel unterwegs, ich erinnere mich aber nicht mehr von welchen Ländern sie erzählte. Wenn die Ferien vorbei waren, hatte sie immer etwas für die Klasse dabei. Einmal brachte sie arabische Musik auf einer Kasette mit. Einmal war es ein Set aus Trommeln. Im November, nach den Herbstferien, machten wir unsere eigenen Scherenschnitte aus Papier für ein Schattenspiel, wie es in Indonesien üblich ist. Ich frage mich, ob Sie damals auf Bali waren? Können Sie mir davon nochmal erzählen? Wie sah es aus, das Bali vor zwanzig Jahren?

Es ist komisch, wie man jahrelang nicht an jemanden denken kann und die Person dann urplötzlich wieder vor einem auftaucht, weil man eine Kleinigkeit in der Hand hält. Das war immerhin 1998. Zum Beispiel weiß ich noch, dass wir sie einmal in den Sommerferien besucht haben – ich und noch zwei andere Mädchen aus der Grundschule, an deren Namen ich mich kaum erinnern kann. Aber ich glaube, eine hieß Tina und hatte Kekse dabei. Das Haus von Frau Metzger erschien mir dunkel und riesig. An den Wänden hingen viele Weltkarten und Masken aus Afrika. Sie hatte ungewöhnliche Möbel, unglaublich viele Bücher und einen großen, verwilderten Garten.

Ich fand Sie toll. Viel toller, als die vermeintlichen Übermütter aus Suburbia zwischen München und den Alpen, die nichts arbeiteten, den ganzen Tag nur ihre Häuser hübsch herrichteten und mit dem Familienkombi zum Alpengroßmarkt zum Wasser kaufen fuhren, obwohl aus der Leitung vermutlich das frischeste Wasser der Welt sprudelte. Deren Jahreshighlight das örtliche Seefest oder Burschenschaftsfeier des Sohnes war und nicht die gemeinsame Neuentdeckung der Welt.

Ich versuche sie mir vorzustellen, wie sie als junge Studentin lebenshungrig war und aus dem Leben zwischen Schliersee und Hausham ausbrach, nur um wieder an die Schule zurückzukehren und den Kindern die Welt zu erklären. In ihrem Haus zeugten viele Dinge davon, dass sie nie aufgehört hatte zu erkunden. Ich bin mir sicher, dass sie es war, die damals den Keim der Neugier bei mir gepflanzt hatte, der sehr sehr sehr viele Jahre später wirklich zu blühen begann.

Dann brachte sie dieses Papier mit und jeder durfte sich eins aussuchen, in Gold oder Silber. Ich frage mich, welchen Weg es zurückgelegt hat. Ist es aus Myanmar? Aus Thailand? Vielleicht sogar aus Laos?

Hallo, wie geht es Ihnen, Frau Metzger? Leben Sie noch in dem großen Haus zwischen Hausham und Schliersee? Reisen Sie immer noch so gerne? Leben Sie vielleicht am anderen Ende der Welt?

Wissen Sie, Frau Metzger – Das Goldpapier habe ich bis heute.

1 Comment
  1. Hallo Julia!
    Mir scheint es war damals eine wunderbare Zeit gewesen zu sein….. :-D Hoffe das ich ,wenn ich auch irgendwann umziehen sollte( >_< ) ,auch die Sachen meiner Grundschulzeit finden kann .
    Ich glaube es werden sich ,dann tolle Erinnerungen finden….
    Ps:Jedenfalls find ich ,dass du einen sehr schönen Schreibstil hast und ich dich durch den Blog echt sehr gut kennenlernen kann.( Applaus!!!)
    Liebe Errinerungs Grüße
    Deine Patentochter ;^)

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