Sunday Soul | Social Blame-ia

Normalerweise überlege ich am Sonntagmorgen, worüber ich schreiben will. Ob mich etwas bewegt, was ich loswerden möchte. Oder ob ich mit euch meine Pläne für die kommende Woche teilen möchte. Oder was letzte Woche so alles los war.

Diese Woche macht es mir aber erstaunlich einfach ein Thema zu finden, denn es ist inzwischen so allgegenwärtig, dass ihr bestimmt auch bereits davon gehört habt: Essena O’Neills „Ausstieg aus der Social Media Welt“ und das damit verbundene Social Media Blaming, das immer wieder in den letzten Monat aufgetaucht ist und jetzt großflächig seine Kreise zieht. Ist das jetzt Trend oder kann das bitte auch mal wieder weg?

Die Stimmung, die gerade herumgeistert, ist besorgniserregend flach und negativ. Als hätten sich alle abgesprochen, dass man Social Media jetzt für eine gewisse Zeit kollektiv scheiße findet und der ganze Kanal Schuld ist an einer verzerrten Gesellschaft. Ahja..?

Was war eigentlich passiert?

Alles begann mit der 18-jährigen Essena O’Neill, von der ich zugegebener Maßen bis dahin nichts gehört hatte. Rund eine halbe Million Menschen folgten der hübschen Australierin auf Instagram, noch mehr bei YouTube und Tumblr. Sie postete Bilder von ihrem Traumkörper, Traumstränden, Traumessen. Und was sich viele nicht vorstellen können: Ja, sie verdiente damit ihr Geld als attraktive Werbefläche. ( Gerade für Menschen ab sechzig und für 9-to-6-Bürohengste ist das alleine schon vermutlich eine lächerliche Vorstellung…). Aber ja: Social Media, ihre Bilder, ihre Posts – das war ihr Job.

Dann gab es ein großes BANG! Sie postete ein Video (hier könnt ihr einen Re-Upload sehen) und verabschiedete sich von der Welt, mit der sie groß geworden war, mit der Botschaft:

Social Media Is Not Real Life

All die Traumstrände, all die perfekten Körper, die perfekten Haare, die perfekten Beine, perfekten Sonnenuntergänge der Instagram-Stars seien Fake, denn sie suggerieren ein perfektes Daily Life, das es in Wahrheit nicht gibt. Sie erzählt von jungen Menschen auf dem Weg zum Erfolg, die verzweifelt und depressiv auf der Suche nach mehr Likes und Followern sind. Die ihr Frühstück fotografieren und stehen lassen. Die verreisen und nichts mitnehmen, außer stundenlangen Shootings, die spontan wirken sollen. Da steckt zumindest bei den „Großen der Branche“ Werbeeinahmen und ein ganzes Business dahinter.

Auf Pinterest und Tumblr tummeln sich junge Mädels mit keinem Gramm Fett zu viel, unter dem Hashtag #tighgap finden sich unzählige vermeintliche Traumkörper. #fitspo #perfectbody #tighgap #dreambeach – Träume und Ziele, für die manche Frauen alles tun würden. Eine scheinbar kranke Welt ist das, in der nur dünne Frauen sich unter Palmen räkeln und perfekte Smoothies trinken.

Anders als bei den über den Laufsteg stelzenden Magermodels liegt bei den Social Media Kanälen eben aber eine gewisse Gefahr: Nämlich die scheinbare soziale Nähe. Der Gedanke, dass der vermeintliche Star doch einfach nur was auf Instagram postet, dass sie eine von uns ist! Das ist kein Fernsehsternchen, kein Sänger, kein Schauspieler. Hämisch schreibt die SZ:Die gute Nachricht: man muss immer weniger können, um berühmt zu werden. Die schlechte Nachricht: es werden immer mehr Menschen berühmt, mit immer weniger Begabungen.“ Also identifiziert man sich mit der Person, vergleicht sich und stellts fest, dass man schlechter dran ist.

Essena spricht in ihrem Video das an, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Es ist nicht alles Gold was glänzt. Aber haben wir einfach verlernt, das selbst einzuschätzen? Ist Social Media jetzt an allem Schuld?

Das Problem

… ist nicht nur die Welt der Social Media. Aber es ist immer leichter, die Schuld einem einzigen Part zuzuschieben, anstatt sich mit seinen eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen. Da schreiben Leute doch tatsächlich unter ein Strandbild: „Feeling depressed„, „Why not me…?“, „I will never have this…„, „I want to go and kill myself„. Ist das jetzt wirklich nur die Schuld einer verzerrten Social Media Welt? Oder ist Social Media Blaming nur das „Besorgte Bürgertum“ des Internets?

Ich für meinen Teil folge weiter gerne „perfekten Mädels“ auf Instagram und bewundere ihre Reisen, ihre Wohnungen, ihre Körper. Ich finde das ästethisch schön und möchte das auch sehen. Ich möchte Schönes sehen und das, was ich als schön empfinde. Dass sie selbstverständlich ihre Wäsche waschen, mit ihren Eltern zoffen, Brechdurchfall haben oder Löcher in den Socken – I don’t care, denn es ist mir bewusst.

Stop Social Blame-ia, Spread Joy

Und ich glaube, darum geht es letzten Endes: Um Bewusstsein und auch Selbstbewusstsein. Denn wenn ich glücklich bin, dann macht es mir nichts aus, dass es anderen scheinbar besser geht. Denn ich bin mir bewusst, dass Instagram mir nur einen Ausschnitt ihres Lebens zeigt. Und ich vergleiche mich nicht damit. Für mich ist jetzt auch nicht jedes zurechtgerückte Frühstück Fake. Ich rücke auch Teller und Cremes zurecht, bevor ich fotografiere. Das kann doch bitte jeder so machen, wie er will?! Für mich ist es auch in Ordnung, wenn jemand dafür bezahlt wird, ein Kleid zu tragen, wenn es der Person steht. Ich finde das großartig, wenn Social Media ein Job sein kann. Für Essena war ihr Leben zu einem Fake geworden. Aber das muss doch jetzt nicht für alle gelten!

Zur Zeit sind auch viele coole „Real Life“ Projekte gestartet (wie z.B. bei Dariadaria), die das „echte Leben“ zeigen sollen. Keine gestellten Bilder, keine Filter und auch der Wäscheständer ist mal drauf. Das finde ich gut, denn gerade wenn man intensiv Blogs liest, freut man sich über etwas privatere, alltägliche Einblicke. Aber ich möchte mein dreckiges Geschirr nicht mit euch teilen. Ist das jetzt auch Fake? Oder darf ich das noch selbst entscheiden?

Social Media ist nicht das echte Leben. Es ist nur ein Ausschnitt – und zwar der, den der Instagrammer zeigen will. Wenn er sich damit nicht wohl fühlt – fine! Am Ende muss doch sowohl der „Produzent“ der Bilder, als auch als Konsument entscheiden, wie man Social Media nutzt. Genau wie beim Fernsehen, Musik hören, Labels tragen. Es ist deine persönliche Entscheidung, was du aus Social Media machst. Ob du lauter Bilder von knappen Kleidchen postets oder von Wal-Rettungsmissionen bleibt dir überlassen. Und die anderen, die können dann entscheiden, ob sie das sehen wollen.

Ein bisschen weniger Missgunst, Neid und Fingerzeigen und ein mehr Good Vibes würden auch den Konsumenten der Social Media Gemeinde sicherlich auch gut tun. Wichtig ist per se nicht, ob das gepostete Bild jetzt bezahlt oder gefaked ist. Wichtig ist, wie du dich dabei fühlst und damit machst. Ob du verzweifelt und eifersüchtig wirst. Oder dich einfach damit abfindest, dass es da draußen immer hübschere, schlankere, blondere, fittere, reichere Menschen geben wird, die auch glücklich sein können, ohne FAKE zu sein.

Und freust dich einfach über ein schönes Bild von einem wirklich schönen Strand und einem leckeren Smoothie!

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