Unterwegs in…Takayama!

Ich möchte nicht gleich zu Beginn meines Artikels mit Klischees aufräumen oder welche auspacken. Und auch keine Floskeln verwenden wie „(…) zwischen Tradition und Moderne.“, „(…) mehr als nur Sushi und Anime.“ und „(…) das Land der aufgehenden Sonne.“. Japan ist ein Land, das man bereist haben muss, um seine Einzigartigkeit zu verstehen. Es zeigt einem schöne und hässliche Seiten, erfüllt Klischees und überrascht einen immer wieder. Lange nach Japan hat mich keine Reise mehr so inspiriert, mich so entdecken und staunen lassen. Es gibt viele Orte mit denen ich anfangen könnte, allein tausend davon wären in Tokyo. Aber ich möchte euch von einem anderen Ort erzählen.

Takayama ist eine Stadt, die mitten in den japanischen Alpen in einem Talkessel auf ca. 540m Höhe liegt. Sie zählt zu den schönsten historisch-erhaltenen Städten Japans und ist für seine heißen Quellen (die Onsen), sowie seine Altstadt und die Sake-Brauereien bekannt. Für den Tourismus wurden die Gebäude aus der Edo-Zeit der Altstadt aufwendig saniert. Geht man durch den Ort spazieren, fühlt man sich definitiv in eine andere Zeit zurück versetzt. Kleine Holzhäuser reihen sich aneinander, selten mit einem zweiten Stockwerk. Zwischen ihnen und dem Gehweg ziehen sich Abflussrinnen für das Schmelzwasser durch die Stadt. Ein Rikscha-Fahrer schreit etwas auf Japanisch und rennt mit Gästen in seinem Wagen durch die enge Gasse. Von irgendwo riecht es nach Yakitori-Spießen und gigantische Sake-Flaschen, die bis zu 50 Liter Sake fassen, stehen in den Schaufenster der alten Brennereien. Manchmal sieht man den ein oder anderen Europäer, der sich in die abgeschiedene Gebirgswelt verirrt hat und aus dem Staunen nicht mehr heraus kommt.

Takayama 1

Takayama ist nicht so groß, dass man sich darin verirren könnte. Aber sehr wohl verlieren. Denn was die Stadt kann ist einem das Gefühl zu vermitteln, in einer anderen Welt angekommen zu sein. In einer Welt, die neben der unseren existiert. Ja, es gibt sie, die Fernseher, Handys und Züge. Aber dort spielen sie keine Rolle, dort geht das Leben einen anderen Gang – wenn man denn bereit ist, ihm zu folgen.

Ein absolutes Highlight und meine Top-Empfehlung ist das Hotel Hida Takayama Ouan (manchmal auch Hida Hanasata No Yu Takayama Ouan) – leider ohne eigene Homepage. Die Bildercollage weiter unten habe ich von japanican.com genommen, um euch einen umfassenden Einblick zu geben. Und die Bilder lügen nicht!

Das Hotel, das keine 15 Minuten vom Bahnhof entfernt ist, sieht zuerst wie ein hässlicher Betonbunker aus und steht zunächst irgendwie deplatziert, aber der erste Eindruck verfliegt schnell. In die Rezeption kommt man durch ein großes hölzernes Eingangstor und für kurze Besuche gibt es ein Außenbecken zum Füße eintauchen. Und kaum betritt man die Eingangshalle fühlt man sich wie in einem alten japanischen Herrenhaus: Lampions, dunkles Holz, wunderschöne Stoffe, gedämpftes Licht, Bonsais. Nach dem Einchecken muss man zweierlei tun: Seine Schuhe in einem Schuhschrank einsperren und die Zehensocken (thihihihi!) anziehen – denn im ganzen Hotel, weder im Restaurant, noch im Fahrstuhl und erst recht nicht in den Zimmern, sind Schuhe erlaubt. Stattdessen schlüpft man in den Hausanzug aus Baumwolle und seine Socken und huscht über die Tatami-Matten. Welches westliche Hotel kann von sich behaupten so einen Aufwand zu betreiben?! Goldene Tagesdecken, dunkles Holz und Schiebetüren machen die Zimmer zu den schönsten und auch einzigartigsten Zimmern, in denen ich in einem Hotel je gewohnt habe. Aber das absolute Highlight, und dafür fährt man schließlich in die japanische Gebirgswelt, sind die heißen Naturquellen oben auf dem Dach. WOW!

Ganz im Sinne der japanischen Badekultur baden Männer und Frauen nackt und in diesem Hotel auch getrennt. Es gibt hier einen großen Innenbereich, einen Außenbereich mit einem wunderschönen Ausblick auf Takayama und die Berge, sowie drei Private Baderäume. Reservieren? Extra zahlen? Fehlanzeige! Auf einer kleinen Schiefertafel notiert man Zimmernummer und Zeit und hat das Bad 20 Minuten für sich. Niemand kommt zu kurz. Das besondere an den Onsen ist zum Einen, dass das Wasser nicht künstlich beheizt wird, sondern direkt durch Geothermie mit 40° aus dem Hahn kommt. Das langsame Herantasten an die unglaublich heiße Temperatur ist also sehr ratsam. Zum anderen sind die Becken meistens aus Stein (Außenbereich) oder aus Holz (Innenbereich) und nicht gefließt wie europäische Schwimmbäder. Der Einklang und die Harmonie des heißen Wassers und den Naturmaterialien machen den besonderen Reiz des Badens in einem Onsen aus.

Takayama liegt natürlich besonders günstig für einen Onsenkurort. Solltet ihr euch also entscheiden in einem anderen Hotel oder Gästehaus zu übernachten ist es sehr wahrscheinlich, dass dieses ein eigenes kleines Bad betreiben!

Nicht vergessen darf ich natürlich das phänomenale Frühstück – aber daran müssen sich viele wohl erst gewöhnen. In vielen asiatischen Ländern wird nämlich nicht zwischen den Mahlzeiten unterschieden, d.h. Reis und Fisch kann es auch zum Frühstück geben! Für die Europäer unter den Besuchern gab es zwar die Müsli- und Gebäckecke, aber es wäre eine Schande all die lokalen Spezialitäten Takayamas links liegen zu lassen! Und was es dort alles gab °o° Fein säuberlich aufgereiht in kleinen Schalen und Schüsselchen, frisch zubereitet und aufeinander abgestimmt. Ein Fest für alle Sinne.

Wie ihr seht, bin ich voll des Lobes – der Ort hat mich durch und durch inspiriert und tut es bis heute. Farben und Formen, Gerüche und Geschmäcker, das Verhältnis der Architektur zur Natur und der Alltag eines Menschen im Einklang damit. Takayama, diesem kleinen Fleck auf dem Planeten Erde, das so weit weg von München ist und an das ich mich erinnern kann, als wäre ich erst gestern dort gewesen.

➽ Hinkommen: Mit dem Zug über Nagoya, sowohl von Osten als auch vom Westen her möglich. Die Fahrt führt euch durch Schluchten, vorbei an Flüssen, Bergen und Reisfeldern mitten in die japanischen Berge. Japan Rail Pass nicht vergessen!

Events: Im April und Oktober findet das Takayama-Fest statt, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Einige der Wägen die beim Stadtumzug getragen werden, können außerhalb der Festlichkeiten in einer Ausstellungshalle besichtigt werden.

In der Umgebung: …befindet sich in Shirakawa-gô das Dorf Ogimachi, ein gigantisches, wunderschönes Freilichtmuseum mit alten japanischen Häusern, das zu jeder Jahreszeit sehenswert ist!

Bleiben: Mindestens eine Übernachtung. In einem der zahlreichen Gasthäuser oder eben im Hida Ouan Takayama.

Tun: Im Onsen entspannen. Essen gehen. Sake trinken. Spazieren. Staunen.

PS: Übrigens hat Takayama ein eigenes Maskottchen, ein Sarubobo. Es ist ein gesichtsloses Äffchen, das wenn man traurig ist auch traurig auf einen selbst wirkt und wenn man glücklich ist, erscheint es ebenfalls glücklich :)

Takayama 2

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